Montag, 4. November<\/p>\n
Durch eine Verkettung von kuriosen Umst\u00e4nden geht der Zuschlag der europaweiten Ausschreibung zur Errichtung der Neubausiedlung\u00a0Weserwerft<\/em> an den Haus- Garten- und Hausmeisterservice Wolfgang Kottm\u00fcller aus Lehrte. Es handelt sich um die Errichtung von 34 Ein- bis Zweifamilienh\u00e4usern als Generalunternehmer.<\/p>\n Dienstag, 5. November<\/p>\n Herr Kottm\u00fcller geht direkt ans Werk und packt seinen Anh\u00e4nger mit den n\u00f6tigsten Werkzeugen, um p\u00fcnktlich mit den Tiefbauarbeiten beginnen zu k\u00f6nnen. Zum ersten Spatenstich ist neben der Presse und Vertretern des Landkreises auch eine Abordnung des \u00f6rtlichen Bauamtes anwesend, nicht ahnend, dass der hier benutzte Spaten auch das einzige Tiefbauwerkzeug in Herrn Kottm\u00fcllers Fundus ist.<\/p>\n Freitag, 14. November<\/p>\n Der erste Keller ist ausgeschachtet. Kottm\u00fcller hat eigenh\u00e4ndig die Baugrube von 12m L\u00e4nge und 14m Breite ausgehoben. Allerdings ist sie erst 20 Zentimeter tief, da sich das darunter liegende Gestein als relativ hartn\u00e4ckig erwiesen hat. Im Baumarkt hat K. bereits einige Rohbaumaterialien wie zw\u00f6lf Ytong-Steine und vier Sack Zement gekauft, eben so viel, wie in den Anh\u00e4nger passt. Die ersten Hausk\u00e4ufer m\u00f6chten sich den Fortschritt der Bauarbeiten ansehen, werden aber von K. zun\u00e4chst vertr\u00f6stet.<\/p>\n Montag, 1. Dezember<\/p>\n Die Baugrube konnte durch die Leihe eines Minibaggers nun doch ausgehoben werden. K. hat begonnen, die Bodenplatte zu gie\u00dfen, ist aber \u00fcberrascht, wie viel Beton da rein geht. Aus Rationierungsgr\u00fcnden wird die Bodenplatte daher nur drei Zentimeter stark. Auf eine Stahlbewehrung wird verzichtet, weil die Bodenplatte ja „nicht weg kann“.<\/p>\n Mittwoch, 3. Dezember<\/p>\n Die Kellermauern sind fertig! Durch den anhaltenden Regenfall steht allerdings bald eine ansehnliche Menge Wasser in dem so entstandenen Bassin. Kottm\u00fcller steht bis zum Bauchnabel in der tr\u00fcben Br\u00fche und googelt „Bauwerksabdichtung“.<\/p>\n Freitag, 5. Dezember<\/p>\n Das Wasser ist noch weiter gestiegen. K. schmiert irgendeine Schlotze an die Wand. Ein anderer Teil wird mit Dachpappe ausgelegt. Der erhoffte Erfolg bleibt allerdings aus. K. beschlie\u00dft, erstmal beim n\u00e4chsten Haus anzufangen.<\/p>\n Dienstag, 8. Januar<\/p>\n \u00dcber die Feiertage war nat\u00fcrlich Baupause! Der vollgelaufene Keller ist mittlerweile komplett gefroren und das Eis hat bedauerlicherweise auch die Mauern auseinandergedr\u00fcckt. K. schlie\u00dft die entstandenen Risse mit Bauschaum. Unter Wasser benutzt er fachgerecht Brunnenschaum.<\/p>\n Mittwoch, 9. Januar<\/p>\n Kottm\u00fcller googelt „Betondecke gie\u00dfen“ und st\u00f6\u00dft auf ein informatives Youtube-Tutorial. Den Herren vom Bauamt, die zwischendurch anrufen, versichert er, es sei alles in bester Ordnung, und die Bauarbeiten w\u00e4ren auf jeden Fall Ende des Jahres abgeschlossen. Noch ein ganzes Jahr Zeit! Gar kein Problem.<\/p>\n Montag, 1. Februar<\/p>\n Das Gie\u00dfen einer Betondecke stellte Kottm\u00fcller vor Herausforderungen, die in der bisherigen Arbeitswelt des Hausmeisterservices in dieser Form nicht aufgetreten sind. K. beschlie\u00dft, die Kellerdecke der Einfachheit halber aus zwei Lagen Laminat zu erstellen.<\/p>\n Freitag, 14. Februar<\/p>\n Nach den schlechten Erfahrungen mit Beton als Werkstoff beschlie\u00dft K., das zweite Haus in Trockenbauweise zu errichten. An den Positionen der Au\u00dfenw\u00e4nde werden schmale Gr\u00e4ben gezogen und dann Gipskartonplatten hochkant hineingestellt. Kottm\u00fcllers Gattin Irma Kottm\u00fcller geht mittlerweile zur Hand und dr\u00fcckt die Erde an den Platten gut fest.<\/p>\n Dienstag, 3. M\u00e4rz<\/p>\n Irma K. hat das Interesse an den Roharbeiten etwas verloren und legt lieber schonmal den Garten an. F\u00fcr den Nutzgarten sind Erbsen, Kohlrabi und Salat geplant.\u00a0 K. hat unterdessen im Haus eins nun doch einige Mauern errichten k\u00f6nnen. Da sich f\u00fcr die Fenster- und T\u00fcr\u00f6ffnungen kein passendes Tutorial im Internet finden lie\u00df, werden die entsprechenden L\u00f6cher einfach rausgeflext.<\/p>\n Freitag, 19. M\u00e4rz<\/p>\n K. googelt „Dachstuhl bauen“ und kauft zu diesem Zweck drei Bund Dachlatten, die er Tipi-artig auf dem Rohbau auft\u00fcrmt. Weniger Gl\u00fcck hatte \u00fcbrigens Haus zwei; die Gipskartonplatten haben den Regenschauern nicht standhalten k\u00f6nnen und stehen nun, traurig verbogen, wie ein groteskes Kunstwerk auf dem \u00f6den Ackerland. Egal, erstmal Richtfest!<\/p>\n Donnerstag, 24. April<\/p>\n Die ersten Hausk\u00e4ufer \u00e4u\u00dfern Zweifel an der bauphysikalischen Kompetenz des Herrn Kottm\u00fcller. Nach einem lautstarken Wortgefecht wurden die entsprechenden Herrschaften zur Hilfe verdonnert und heben nun gemeinsam die Baugrube f\u00fcr das dritte Haus aus. Fehlen also nur noch 31.<\/p>\n Mittwoch, 24. Juli<\/p>\n Kottm\u00fcller sieht sich die Ausschreibungsunterlagen noch einmal genau an. Tats\u00e4chlich, f\u00fcr alle H\u00e4user werden darin Bodenbel\u00e4ge und Badezimmer gefordert. Das war K. bisher nicht klar und so bleibt nur eine weitere Fahrt zum Baumarkt.<\/p>\n Donnerstag, 31. Juli<\/p>\n Das Dach von Haus eins ist mittlerweile mit Wellplatten gedeckt und so ist die Feuchtigkeit, abgesehen vom Keller, hier kein Thema mehr. Als Bodenbelag entscheidet sich K. f\u00fcr Silofolie. Sie ist robust, abwaschbar und passt auch farblich gut.<\/p>\n Montag, 12. August<\/p>\n Bei nochmaligem Ansehen der Ausschreibung entdeckt K. den Passus „Energieverordnung“. Er muss also D\u00e4mmung an den Au\u00dfenw\u00e4nden anbringen. Im Baumarkt findet er prompt einen Mitarbeiter, der in ber\u00e4t und ihm das richtige Paket kompetent zusammenstellt. K. kommt zur\u00fcck mit einem Anh\u00e4nger voll Glaswolle, 412 Tuben Silikon sowie einem Siphon.<\/p>\n Mittwoch, 8. September<\/p>\n Das erste Haus ist quasi fertig. Es fehlen nur noch die Zwischendecken, da diese nur unter gr\u00f6\u00dferen Umst\u00e4nden zu bauen sind. K. beschlie\u00dft, diese erstmal wegzulassen und nur nachzur\u00fcsten, falls jemand danach fragt.<\/p>\n Freitag, 10. Oktober<\/p>\n Die ganze Sache ger\u00e4t ein wenig au\u00dfer Kontrolle, als bei der Inbetriebnahme der Fu\u00dfbodenheizung das Haus zwei komplett in Flammen aufgeht. Die dort zwischenzeitlich erzielten Baufortschritte (W\u00e4nde und Dach aus Rigips-gr\u00fcn, verklebt mit Malerkrepp sowie eine Dacheindeckung aus einem attraktiven Sonderposten Asbestplatten) sind leider komplett zunichte gemacht worden. Das Bauamt wird auf die Zust\u00e4nde aufmerksam und allm\u00e4hlich unruhig.<\/p>\n Samstag, 11. Oktober<\/p>\n Die zuk\u00fcnftigen Hausbesitzer, welche bereits im Vorfeld betr\u00e4chtliche Summen f\u00fcr die Errichtung ihrer Eigenheime angezahlt haben, versammeln sich als w\u00fctender Mob um Herrn K.s Anh\u00e4nger. Dieser steht im Taucheranzug im Keller von Haus eins und schlie\u00dft Steckdosen an.<\/p>\n Montag, 9. November<\/p>\n K. r\u00e4umt ein, dass ein Einhalten des beabsichtigten Termins zur Schl\u00fcssel\u00fcbergabe Anfang Dezember m\u00f6glicherweise doch etwas knapp sei, da genau genommen noch 32,5 H\u00e4user fehlen und auch das bereits fertiggestellte Haus eins leider nicht wirklich bewohnbar ist. Mittlerweile haben sich dort einige seltene Wassertiere angesiedelt, unter anderem die goldgelbe Pfaffenampfer und der dreischl\u00f6tterige Wippelmolch. Der Naturschutzbund hat Teile des Kellers zur Schutzzone erkl\u00e4rt. Umweltaktivisten halten Mahnwachen und kochen Erbsensuppe aus der Gulaschkanone.<\/p>\n Donnerstag, 30. Dezember<\/p>\n Mit dem Geld aus den Abschlagsrechnungen, abz\u00fcglich der bereits im Baumarkt get\u00e4tigten Eink\u00e4ufe, sind Herr K. und seine Frau Irma ins Exil gefl\u00fcchtet. Genau genommen hat das Geld nur bis zum Campingplatz „Kiesloch Wittloge“ gereicht, wo die beiden einige Zeit sp\u00e4ter von der Polizei gestellt werden konnten. Mittwoch, 8. Januar<\/p>\n Die Ausschreibung f\u00fcr die „Fortsetzung der Bauarbeiten zur Neubausiedlung\u00a0Weserwerft<\/em>“ gewinnt Alois Bram\u00f6ller vom Hofservice Bram\u00f6ller. Er packt das n\u00f6tige Werkzeug in seinen Bulli, um z\u00fcgig mit den Bauarbeiten beginnen zu k\u00f6nnen…<\/p>\n <\/p>\n <\/p>\n <\/p>\n
\nAls politische Konsequenz versprach das Bauamt, bei zuk\u00fcnftigen Ausschreibungen nicht mehr nur nach dem Preis zu gehen, haha, ach nein, doch nicht.<\/p>\nTeilen mit:<\/h3>